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IPPNW
Aus IPPNW-Forum 101/06

Radeln gegen Atomwaffen

Bericht über die Baltic Bike Tour

30 Medizinstudierende fahren mit dem Fahrrad über 1.000 Kilometer durch Estland, Russland und Finnland, um so für eine atomwaffenfreie Ostsee zu demonstrieren. Während der zweiwöchigen Tour wollte man sich mit Lokalpolitikern treffen, die Presse auf die anhaltende Gefahr von Atomwaffen in und um die Ostsee aufmerksam machen und öffentlichkeitswirksame Straßenaktionen durchführen: Mit dieser Idee begannen die Planungen für die Baltic Bike Tour vergangenen Oktober. Ein knappes Jahr und viele E-Mails später war es dann endlich soweit: von 4 Kontinenten hatten sich Teilnehmer angemeldet – aus Deutschland, Polen, den USA, Kanada, der Schweiz, Irland, den Philippinen, Nigeria, Ägypten, Bosnien-Herzegowina, Estland, Finnland und Russland. Gemeinsam starteten sie am 21. August auf die größte Radtour ihres Lebens. Ob die Tour ein Erfolg war? Hier ein paar Telegramme von unterwegs:

Tallinn, 21.9.2006
Sind alle gut in Tallinn angekommen – per Bus, Zug, Flugzeug und Fähre. Schöne Stadt – malerisch mittelalterliche Altstadt, herrliche Strände und alles drum herum sehr modern und europäisch. Die Leute sind unheimlich hilfsbereit, interessiert und freundlich. Gestern haben wir auf dem größten Platz der estnischen Hautstadt eine Target - Installation veranstaltet und einige hundert Passanten auf die andauernde Gefahr der Atomwaffen in Europa aufmerksam gemacht. Die meisten Menschen wussten nicht, dass in Russland und Westeuropa immer noch abschussbereite Atomwaffen stehen – unter anderem auch in Ländern wie Deutschland. Da diese Waffen quasi über ihre Köpfe hinweg auf einander gerichtet sind, geht dieser Zustand die Bevölkerung Estlands auch direkt etwas an. Das Feedback war durchweg positiv und die Leute freuten sich zu hören, dass wir vorhaben, durch Russland zu fahren und dort ebenfalls die Öffentlichkeit aufzurütteln.

Heute Morgen hatten wir einige Termine mit estnischen Zeitungen, dem größten Radiosender Estlands und dem staatlichen Fernsehsender. Der Bericht über die internationale Gruppe von Medizinstudierenden gegen Atomwaffen, die mit dem Rad nach Helsinki fahren wollen, läuft schon den ganzen Tag im Radio und morgen erscheint unser Photo in den wichtigsten Zeitungen des Landes. Die IPPNW-Gruppe hier in Tallinn freut sich auch über die zusätzliche Publicity für ihre Arbeit. Gleich geht es los – in vier Tagen wollen wir es bis nach Narwa schaffen, der alten Festungsstadt an der Grenze zu Russland. Die “fast group” ist schon losgefahren, und wir besteigen auch gleich unsere Räder. Wünscht uns Glück und wenig Platten!

St. Petersburg, 28.9.2006
Die erste Woche ist überstanden. Wie gut es doch tut, wieder ein richtiges Bett zu haben. Wir wohnen hier in St. Petersburg in einem netten kleinen Hostel direkt am Pobedy Park. Die Stadt ist umwerfend schön – zumindest das Zentrum. Als hätte jemand einen riesigen Topf Kultur genommen und ihn am Newaufer ausgeleert – fast jede Häuserzeile ist ein Photo wert und die nächtliche Bootstour entlang der vielen Kanäle, Kirchen und Festungen der Stadt gestern war einfach unbeschreiblich. Wir sind jetzt schon 3 Tage in Russland. Nach einigen Verzögerungen an der Grenze durften wir mit unseren Rädern passieren und wurden im historischen Grenzort Iwangorod auch von unseren Freunden Dmitry und Kolja abgeholt. Einen echten Rettungshund haben wir jetzt auch: Yena. Die Straßen in Russland sind nicht allzu geeignet für unsere Räder, aber irgendwie schlägt man sich durch. Gestern Nacht haben wir im Garten von Putins Sommerresidenz in Peterhof gezeltet – was in Russland nicht alles möglich ist!

Nur mit den Öffentlichkeitsaktionen klappt es hier nicht so gut wie in Estland. Die russischen IPPNW-Studierenden haben Angst vor den staatlichen Kontrollen und haben uns gebeten, unsere politische Arbeit auf ein Minimum zu beschränken. Ein unangenehmes Zusammentreffen mit zwei Agenten der Staatsmacht hatten wir bereits. Also verlagern wir unsere Arbeit auf interne Diskussionen und Teachings, in denen jeder seine Expertise einbringen kann – Agyeno aus Nigeria soll über Kleinwaffengewalt in Entwicklungsländern sprechen, Andre aus Irland über den Zustand der atomaren Abrüstung und Alex aus Deutschland über die Gefahren der Atomenergie. Einige davon haben wir selbst schon begutachten können, als wir durch das ehemalige sowjetische Zwischenlager Sillimäe fuhren, das heute auf estnischem Boden liegt. Die Stadt war früher komplett abgeriegelt und so geheim, dass sie noch nicht einmal auf offiziellen Landkarten erschien. Nachdem in den achtziger Jahren signifikant erhöhte Leukämieraten in der Bevölkerung sowie gravierende Umweltschäden festgestellt wurden, haben sich diese weitgehend reduziert, seit die sowjetischen Uranfabriken und Lagerhallen verschwunden sind. Die kilometerlangen, menschenleeren Industrieruinen rings um die Stadt wirken heutzutage nur noch gespenstisch. Morgen geht es Richtung Vyborg nach Norden. Noch ein paar Tage auf Russlands Straßen, dann fahren wir am 1. September über die Grenze nach Finnland. (Russland bis zum Ural gehört auch zu Europa!)

Helsinki, 5.9.2006
Es ist vollbracht: nach all den Strapazen, den 100 km-Tagesstrecken, den Platten und den ungewissen Grenzübergängen sind wir alle heil in Helsinki angekommen. Heute früh sind wir um 5 Uhr morgens neben einem dampfenden finnischen See aufgewacht, haben uns noch vor Sonnenaufgang zum letzten Mal auf unsere Räder geschwungen und sind die letzten 40 Kilometer nach Helsinki eingefahren. Nach einer kurzen Stippvisite in der örtlichen Sauna, einer kalten Dusche und einem dringend benötigten Klamottenwechsel standen wir dann um 10 Uhr morgens gesammelt vor den Stufen des finnischen Kongresses, wo uns bereits drei Parlamentarier begrüßten und uns ihren Arbeitsplatz zeigten. Wir hatten die Gelegenheit, sie zur finnischen Position bezüglich Atomwaffen und Atomenergie zu befragen und erzählten ihnen von unserer Radtour und unseren Erfahrungen auf dem Weg. Anschließend hatten wir noch einen Pressetermin mit der örtlichen Zeitung, nach fünf Tagen in Finnland bereits Routine für uns, da wir in nahezu jeder Stadt, in die wir einfuhren, überwältigenden Presseempfang genossen hatten: in Kotka, wo wir uns mit einem weiteren Parlamentsmitglied trafen und eine Target-Installation durchführten, in Loovisa, wo uns Fotografen schon am Ortseingang auflauerten und in Porvoo, wo wir im Rathaus vom örtlichen medizinischen Direktor empfangen wurden. Unsere finnischen IPPNW-Studies hatten wirklich ganze Arbeit geleistet und uns den Weg bereitet. Nun sind wir also in Helsinki und müssen bald schon unsere gemieteten Fahrräder per Fähre wieder nach Tallinn verschiffen. Irgendwie vermissen wir sie jetzt schon. Morgen beginnt dann der IPPNW-Weltkongress hier in Helsinki mit zwei Tagen, die ausschließlich den Studierenden vorbehalten sind. Aus aller Welt werden die Teilnehmer anreisen – aus El Salvador, aus Kanada, aus China, aus Zambia, aus Australien, aus Nepal und aus Ecuador . . . aber keiner wird eine solche Anreise gehabt haben wie wir!

Nun ist sie also zu Ende, die legendäre Baltic Bike Tour. Zwei Wochen lang haben wir uns durch die Wildnis geschlagen, bei Wind und Regen mit unseren Rädern den Asphalt bezwungen, in kalten Seen gebadet und morgens über dem Gaskocher Kaffee gemacht. Wir haben viele Gespräche mit den Menschen der Region geführt, vielen unsere Mission nahe bringen können. Die Presse hat über uns berichtet und wir haben Politikern unsere Nachricht übermittelt: Die junge Generationfordert ein Ende der Atomwaffen - um die Ostsee, in Europa und schließlich auf der ganzen Welt. Die Frage, ob es das alles wert war, stellt sich für uns nicht. Allein, dass wir als Team gemeinsam angekommen sind, alle Widrigkeiten überwunden und als Gruppe bunt zusammengewürfelter Menschen aus allen Herren Länder zusammengefunden haben - diese Tatsachen alleine waren es wert. Aber sicherlich konnten wir auch unseren Beitrag dazu leisten, die Öffentlichkeit für ein Europa ohne Atomwaffen zu mobilisieren. Was bleibt? Viele warme Erinnerungen, Freundschaften fürs Leben, ein paar kleine Schrammen und ein Traum: im Februar 2008 alle gemeinsam zum nächsten Weltkongress zu radeln ... von Pakistan nach Indien!

Alex Rosen, Medizinstudent, 6. Jahr
Düsseldorf








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