Berlin- Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) hat jetzt endlich den Studienauftrag zur Klärung der Ursachen von erhöhten Kinderkrebsraten in der Umgebung von AKWs vergeben. Der Auftrag ging an das Mainzer Kinderkrebsregister. Eine öffentliche und kritische Studienbegleitung bleibt weiterhin notwendig.
Schon seit Jahren weist die IPPNW1 auf Ergebnisse von Dr. Körblein hin, die erhöhte Kinderkrebsraten in der Umgebung von Atomkraftwerken nachweisen2. Diese Befunde wurden zunächst nicht ernst genommen. Erst nach Veröffentlichung einer von der Ulmer Ärzteinitiative, Regionalgruppe der IPPNW initiierten Untersuchung durch Dr.Körblein im Februar 20013, einer anschliessenden umfangreichen Information der Öffentlichkeit und unter dem Eindruck von über 10.000 Protestbriefen aus der Bevölkerung an Politiker und Behörden, räumte das BfS offiziell die Wahrnehmung einer erhöhten Kinderkrebsrate in der Umgebung von Atomkraftwerken ein. Bei einem Fachgespräch im Juli 2001 zwischen Vertretern u.a. des BfS und der IPPNW wurden weitere Studien vereinbart4. Die erste Studie hätte so bereits 2001 beginnen sollen, deren Ergebnisse wären dann jetzt schon vorgelegen. Es kam jedoch nach dieser Vereinbarung zu einer Reihe von Verzögerungen bis zum heutigen Tag. Zumindest sind jetzt die Studien in Auftrag gegeben. Als Termin zur Veröffentlichung der Ergebnisse wird nun vom BfS "voraussichtlich das Jahr 2005" genannt.Ausgangspunkte der vorausgehenden kontroversen Diskussion waren zwei offiziell erstellte Studien:1. Die Studie des Mainzer Institutes für Medizinische Statistik und Dokumentation (IMSD) zu Krebsraten bei Kindern um die 20 Standorte von kerntechnischen Anlagen (KTA) in Deutschland. 19975 . Diese Studie ergab keinen auffälligen Befund und so sah das IMSD in dieser Frage keinen weiteren Forschungsbedarf mehr.2. Die Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) zu Krebsraten bei Kindern für 5 bayerische Standorte kerntechnischen Anlagen (KTA) 1995. Auch sie ergab keine Auffälligkeiten bei kindlichen Krebsfällen6.In Reanalysen beider Studien konnte jedoch Dr.Körblein unter Verwendung des selben Datenmaterials signifikant erhöhte Kinderkrebsraten nachweisen, wenn man mit diesen Daten nur die Umgebung der Atomkraftwerke untersucht, die mit hoher atomarer Leistung viel Strom produzieren. Am höchsten war die Kinderkrebsrate am Standort von Deutschlands größter Siedewasserreaktor-Anlage Gundremmingen. Es war Dr.Körbleins Verdienst, bei der Betrachtung der Daten den Blick auf die laufenden Atomkraftwerke zu fokussieren. Er verzichtete auf die "verdünnenden" Daten kerntechnischen Anlagen (KTA), die nur wenig atomare Leistung erbracht hatten und erhielt mit dieser Methode schärfere Aussagen und sogar signifikante Ergebnisse.Bei Atomkraftwerken (AKW), die lange "unter Dampf" stehen, findet man in der Umgebung erhöhte Kinderkrebsraten. Bei kerntechnischen Anlagen (KTA) wie Forschungsreaktoren und nach kurzer Laufzeit stillgelegten Reaktoren etc. findet man sie nicht.Nach Veröffentlichung dieser Fakten war zunächst der Aufschrei der beteiligten Wissenschaftler, des BfS, der Atomindustrie und atomfreundlicher Politiker groß. Einfallsreich und massiv waren die Versuche der Diffamierung, der Verleugnung und der Methoden, das Vorgehen Körbleins als "unwissenschaftlich" und "unwesentlich" abzutun. Viele (Industrie- u. Anzeigen- abhängige) Zeitungen, aber auch das Deutsche Ärzteblatt, musste dafür herhalten. Das Bayerische Umweltministerium veröffentlichte laufend Dementis.Unter dem paradoxen Gesichtspunkt, dass nun das BfS zur Überprüfung der besorgniserregenden Befunde das Mainzer Kinderkrebsregister (IMSD) beauftragt hat und so die kritisierten Institutionen ihre Ergebnisse selbst überprüfen, muss unbedingt die weitere kritische Studienbegleitung in jedem Stadium öffentlich und kontrollierbar bleiben. Die IPPNW erlaubt sich in enger Zusammenarbeit mit Dr.Körblein auch in Zukunft weiter darüber zu berichten.Für RückfragenDr. S. Pflugbeil 030-4493736, R. Thiel 07346-8407 Internetwww.umweltinstitut.org - Dokumentation der Originalarbeiten von Dr.Körbleinwww.ippnw-ulm.de - Aktuelle Infos und internationaler und nationaler Überblick weiterer Studien zum Thema durch Reinhold Thielwww.bfs.de - Jahresbericht 2001/Ausgewählte EinzelthemenAuf den Seiten 51/52 räumt das BfS mittlerweile fast verschämt ein: -"Fasst man jedoch, wie oben beschrieben, den gesamten Studienzeitraum von 1983-1998 zusammen, so ergibt sich eine statistisch signifikante Erhöhung von 20%"-Literatur1 Ulmer Ärzteinitiative, Regionalgruppe der IPPNW, aktualisierte Info-Texte unter www.ippnw-ulm.de2 Körblein A, Hoffmann W. Childhood Cancer in the Vicinity of German Nuclear Power Plants. Medicine & Global Survival, August 1999, Vol.6: 18-233 Körblein A. Krebsrate bei Kindern im Umkreis bayerischer Kernkraftwerke. Umweltnachrichten 91/2001: 26-284 Ergebnisprotokoll des Treffens 11.07.2001 in Kassel (Original beim Verfasser)5 Kaletsch U, Meinert R, Miesner A, Hoisl M, Kaatsch P, Michaelis J. Epidemiologische Studien zum Auftreten von Leukämieerkrankungen in Deutschland. IMSD-Technischer Bericht, Juli 19976 Van Santen F, Irl C, Grosche B, Schötzau A. Untersuchungen zur Häufigkeit kindlicher bösartiger Neubildungen und angeborener Fehlbildungen in der Umgebung bayerischer kerntechnischer Anlagen. BfS-Bericht vom November 1995
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