Wie die Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) gestern in der Sitzung der Reaktorsicherheitskommission (RSK) des Bundes berichtet hat, ist das Schnellabschaltsystem deutscher Druckwasserreaktoren vom "grundsätzlichen Funktionsprinzip" ähnlich dem des bulgarischen Atomkraftwerks Kosloduj-5, in dem es deswegen am 1. März 2006 beinahe zum Atomunfall gekommen ist. Nach Angaben der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW versagte auch im deutschen Atomkraftwerk Neckarwestheim-1 am 10. Mai 2000 das zentrale Sicherheitssystem.
Im bulgarischen Atomkraftwerk Kosloduj-5 hat am 1. März 2006 das Schnellabschaltsystem versagt, nachdem eine Hauptkühlmittelpumpe ausgefallen war. Da 22 der 61 so genannten "Steuerstäbe" des Abschaltsystems nicht bewegt werden konnten und damit das zentrale Sicherheitssystem nicht zur Verfügung stand, konnte die Kettenreaktion im Reaktor offenbar erst nach mehr als sechs Stunden mit Hilfe eines weiteren Systems gestoppt werden.
Obwohl die Ursache für das Versagen laut GRS bis heute nicht geklärt ist, werde das Atomkraftwerk weiterbetrieben. Wenn es in Kosloduj-5 jetzt zu einem Leck in einer Rohrleitung käme, dann müsse mit sehr großer Wahrscheinlichkeit mit einem neuen Super-GAU gerechnet werden. Die IPPNW fordert daher die sofortige Stilllegung des Atomkraftwerks.
Bei dem Störfall in Neckarwestheim-1 am 10. Mai 2000 sei die Ursache hingegen bekannt. Der Atomkraftwerkshersteller Siemens hat dort im Jahr 1998 die Ansteuerung des Abschaltsystems auf eine neue "digitale Leittechnik" umgerüstet. In einer eigenen Publikation rühmte der Atomkonzern den Einbau des Systems in "Rekord"-Zeit" und sprach von einem "Traumstart". Am 10. Mai 2000 schließlich versagte die neue, in aller Eile eingebaute Technik: Es kam zu einer Blockade der für eine Reaktorschnellabschaltung erforderlichen Steuerstäbe und zum Ausfall einer Reihe weiterer Sicherheitssysteme.
Die Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) und die Reaktorsicherheitskommission (RSK) haben festgestellt, dass die digitale Leittechnik am Versagen des zentralen Sicherheitssystems schuld war. Die GRS machte die "Komplexität des Systems" maßgeblich verantwortlich für die Fehlfunktionen. Die RSK beschloss daraufhin, "die Betriebserfahrungen mit digitaler Leittechnik zyklisch zu beraten."
"Fünf Jahrzehnte nach Beginn der kommerziellen Atomenergie beraten die Experten noch immer darüber, ob zentrale Sicherheitseinrichtungen in Atomkraftwerken funktionieren oder nicht. Fünf Jahrzehnte nach Beginn der kommerziellen Atomenergie können Atomkraftwerke in Ost und West noch immer nicht zuverlässig abgeschaltet werden", kritisiert IPPNW-Atomenergieexperte Henrik Paulitz. "In Ost und West häufen sich gefährliche Störfälle. Das zeigt, dass diese Technik nicht beherrschbar ist. Wir müssen sie dringend abschalten, bevor es zu einem zweiten Tschernobyl kommt."
Für Fragen können Sie sich wenden an:
- Henrik Paulitz, Tel. 0171-53 888 22
- Jörg Welke (Pressesprecher), Tel. 030-69 80 74-14
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