Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW stimmt Bundesumweltminister Sigmar Gabriel zu, der gegenüber dem "Spiegel" erklärt hat, dass alte deutsche Atomkraftwerke wie Biblis B gravierende Sicherheitsdefizite aufweisen. Aufwändige Recherchen der IPPNW haben ergeben, dass es in Biblis B rund 50 Sicherheitslücken gibt. Die Organisation hat daher im vergangenen Sommer einen Stilllegungsantrag bei der Hessischen Atomaufsicht gestellt. Sollte dem Antrag nicht entsprochen werden, wird die IPPNW den Klageweg beschreiten.
Hier die wichtigsten Sicherheitsdefizite:
1. Biblis B ist nicht gegen Erdbeben ausgelegt, wie sie am Standort Biblis auftreten können. Die hessische Atomaufsicht verlangt von der Betreibergesellschaft RWE - in rechtlich unzulässiger Weise - nur eine Auslegung gegen schwächere Erdbeben (50%-Fraktile). Bei stärkeren Erdbeben würden die Betriebs und Sicherheitssysteme versagen.
2. Das Reaktorgebäude von Biblis B ist weder gegen den Absturz von schweren Militärflugzeugen noch gegen den Absturz von Passagiermaschinen ausgelegt.
3. Biblis verfügt - im Gegensatz zu allen übrigen deutschen Atomkraftwerken - über kein regelwerksgerechtes Notstandssystem, um die Anlage bei Flugzeugabstürzen herunterfahren zu können.
4. Biblis B ist schweren Unwettern schutzlos ausgeliefert. Ein Sturm führte am 8. Februar 2004 zu dem gefürchteten "Notstromfall". Ursache ist die fehlende elektrische Entkopplung und räumliche Trennung der Anbindung des Kraftwerks an das Verbundnetz. Jederzeit kann ein schwerer Sturm in Biblis B zum Super-GAU führen.
5. Der Sicherheitsbehälter (Containment) aus Stahl kann bei vergleichsweise geringen Drücken großflächig versagen. Ein von der OECD durchgeführter internationaler Vergleich zeigt, dass Sicherheitsbehälter aus Stahl bei wesentlich geringeren Drücken versagen als die im Ausland überwiegend üblichen Sicherheitsbehälter aus Beton bzw. Stahlbeton.
6. Im Fall einer Kernschmelze entsteht in Biblis B laut OECD wesentlich mehr hochexplosiver Wasserstoff als bei Atomkraftwerken im Ausland. Die in Biblis B eingebauten Wasserstoff-Rekombinatoren sind völlig unausgereift und können die gefürchteten Wasserstoff-Explosionen geradezu herbeiführen. Dies ergaben Experimente im (Atom )Forschungszentrum Jülich.
7. Bei kleinen Lecks kann es in Biblis B zum Versagen des Notkühlsystems im Hochdruck-Bereich kommen.
8. Die Sicherheitssysteme von Biblis B sind nur unzureichend räumlich getrennt. Dies führte beispielsweise am 18. August 1997 dazu, dass drei der vier Pumpen des Kühlsystems gleichzeitig ausgefallen waren, weil ein vergessener Schutzhelm einen Lagerschaden verursacht und das Pumpenhaus unter Wasser gesetzt hatte. Wäre auch noch die letzte Pumpe ausgefallen, hätte es zum Super-GAU kommen können.
9. Die in Biblis B verwendeten Werkstoffe sind veraltet. Aufgrund von Alterungsprozessen kann es jederzeit zu gefährlichen Leckagen kommen.
Weitere Informationen:
www.ippnw.de/index.php?/s,1,2,9/o,article,960/
Für Fragen können Sie sich wenden an: Henrik Paulitz, Tel. 0171-53 888 22
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