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IPPNW-Presseinformation vom 1. August 2007

Ehemalige Beschäftigte erheben Vorwürfe

Gravierende Missstände im AKW Biblis

Nach Angaben von zwei ehemals in Biblis tätigen Fachleuten soll es in dem hessischen Atomkraftwerk gravierende Missstände geben (vgl. auch die heutige Berichterstattung in der Berliner Zeitung vom 1. August). Die Rede ist von "Fehlplanungen" und von einem "organisatorischen Chaos" bei sicherheitstechnischen Nachrüstungen, von fehlerhaften Arbeiten einer Elektroinstallationsfirma, von nicht fachgerechten Arbeiten aufgrund von fehlendem Werkzeug in der Nachtschicht, von Schäden in Folge von Kurzschlüssen, weil das Personal nicht über die erforderliche Routine verfügt habe, vom Verzicht auf den Austausch schadhafter Komponenten, vom Abzug von Personal allein aus Kostengründen und von zu schwachen Antriebsmotoren für sicherheitstechnisch wichtige Komponenten. Der TÜV soll von diesen Dingen Vieles nicht mitbekommen haben.

Die beiden Fachleute, die anonym bleiben wollen, sind grundsätzlich nach wie vor Atomenergie-Befürworter. Nach Angaben der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW haben sie übereinstimmend ausgesagt, dass technische Pläne von Sicherheitssystemen vielfach nicht der Realität entsprechen und dass derartige Pläne obendrein auch noch "manipuliert" worden seien. Sie sprechen von einer unzulässig geringen Personalstärke, von zum Teil unqualifiziertem Personal und davon, dass Arbeiten an sicherheitstechnisch wichtigen Komponenten wegen der hohen Strahlenbelastung teilweise unter sehr großem Zeitdruck durchgeführt werden mussten. Der in Biblis B eingesetzte Fachmann wurde bei Inspektionen des Notkühlsystems radioaktiv verstrahlt, was RWE einräumen musste.

Der in Biblis A eingesetzte Fachmann war am Aufbau einer Notsteuerstelle für sicherheitstechnisch wichtige Armaturen, Schieber und "Gebäudeabschlussklappen" beteiligt. Seine Kritik, dass die Planungs-, Montage- und Inbetriebsetzungsarbeiten fehlerhaft durchgeführt wurden, sieht er dadurch bestätigt, dass in Folge dieser Arbeiten am 5. Juni 2002 eine Gebäudeabschlussklappe in Biblis A nicht funktionierte (vgl. das offiziell gemeldete und veröffentlichte Ereignis Nr. 02/069). Er befürchtet darüber hinaus, dass es viele weitere Fehler gibt, die bislang unentdeckt blieben, im Notfall aber zum Versagen von sicherheitstechnisch wichtigen Komponenten führen könnten.

Die Schilderungen des Fachmanns über die angeblichen Zustände im Atomkraftwerk Biblis sind erschreckend und können im Rahmen dieser Pressemitteilung nur zum Teil wiedergegeben werden. Hier einige Auszüge:

"Man kann in Biblis A nicht von einer Fehlorganisation sprechen, sondern man kann das nur als Chaos bezeichnen. Einem organisatorischen Chaos und einem Chaos was die Planung und Durchführung der Änderungen betrifft. Die Atmosphäre war vergiftet durch Streit, Schuldzuweisungen, gegenseitigen Vorwürfen, Intrigen, Lügen und Bedrohung bis hin zur Nötigung zwischen dem gesamten Personal von Planung, Montage und Inbetriebsetzung."

"Desweiteren hat Herr [...] bemängelt, dass es völlig unzumutbar war, in der Nacht von einer Inbetriebsetzungstruppe [...] unzureichende Montagearbeiten wie z.B. Verdrahtungsänderungen am Unterverteiler sowie fehlerhafte Steckeranschlüsse und nicht angeschlossene Kabelverbindungen durchführen zu müssen. Unter anderem war es notwendig, spezielle Absteuerungsvarianten des Antriebs durch Einlöten von Dioden am Baugruppenträger der Steuerschränke vorzunehmen. Da wir für diese spezielle Arbeit keine entsprechende Routine hatten, kam es zu Kurzschlüssen bei denen dann ganze Anschlussstifte und Leitungsverbindungen schmolzen und erheblich beschädigt wurden. Wir haben diese schadhaften Stellen notdürftig wieder hergestellt. Wenn wir den TÜV informiert hätten, hätte der ganze Baugruppenträger ausgetauscht werden müssen, wodurch es zu erheblichen Kosten und Verzögerungen gekommen wäre. Manchmal wurde es auch notwendig, Ansteuerungssignale im Antrieb zu ändern. Das ist aber normalerweise verboten, weil die Antriebe eine Normverdrahtung besitzen. Die Signalzuführung war öfters so verdreht, dass dies nur noch durch Umverlegen der Drähte im Antrieb möglich war. Wir haben dann die Drähte nur verdrillt und haben keine Klemmen verwendet, da in der Nacht das Werkzeug fehlte, weil die Montagetruppe ja nicht mehr arbeitete. Die Strahlungsbelastung war auch oft sehr hoch, was uns gezwungen hat die Arbeiten noch schneller auszuführen."

"Herr [...] störte sich enorm daran, dass nur eine Elektroinstallationsfirma [...] Arbeiten im sicherheitstechnisch wichtigen Bereich durchführen durfte, die aber fehlerhaft und unzureichend ausgeführt wurden. Herr [...] hat auch kritisiert, dass man Herrn [...] als erfahrenen Antriebsspezialisten nach Finnland abgezogen hatte und dafür keinen qualitativ entsprechenden Ersatz zur Verfügung stellen konnte, der in der Nachtschicht dann fehlte."

Die IPPNW hat Bundesumweltminister Sigmar Gabriel eine Liste mit insgesamt 24 Vorwürfen der beiden Fachleute geschickt. Die meisten dieser Vorwürfe wurden dem Bundesumweltministerium jetzt erstmalig mitgeteilt. Ein Teil der Vorwürfe wurde bereits mit mehreren Schreiben seit März 2005 vorgetragen.

Bei den bislang vorgetragenen Punkten handelt es sich um Informationen des in Biblis B eingesetzten Fachmanns. In Folge der von der IPPNW wiederholt angemahnten Aufklärung wurden zentrale Vorwürfe offiziell bestätigt. So bestätigte beispielsweise der TÜV Süd, dass mehrere hundert so genannte "Stempelfelder" des Notkühlsystems in Biblis B nicht auffindbar bzw. nicht leserlich sind. Somit steht aber die Qualität des Notkühlsystems in Frage. Nach Angaben des Fachmanns ist es in anderen Industrieanlagen wie zum Beispiel Chemieanlagen und Raffinerien üblich, dass sicherheitstechnisch wichtige Rohrleitungen nicht "abgenommen" und ausgetauscht werden müssen, wenn "Stempelfelder" nicht lesbar und die sicherheitstechnischen "Nachweise" insofern nicht zu erbringen sind. Nicht so im hessischen Atomkraftwerk Biblis. "Es erstaunt schon, dass die deutschen Aufsichtsbehörden offenbar in Chemieanlagen bezüglich der Rohrleitungen höhere Sicherheitsstandards einfordern als in Atomkraftwerken", so Henrik Paulitz, Atomenergie-Referent der IPPNW.

Ein weiterer Vorwurf lautet: Im "Keller" des Reaktorgebäudes von Biblis B stand in Rohrleitungskanälen des Notkühlsystems wiederholt Wasser, unweit von sicherheitstechnisch extrem wichtigen Pumpen des Notkühlsystems. Auch dieser Vorwurf wurde inzwischen bestätigt. Diese Notkühlpumpen ("Nachkühlpumpen") versagen bei Überflutung, so die IPPNW, mit der möglichen Konsequenz, dass im Notfall der Reaktorkern nicht gekühlt werden kann und es zur gefürchteten Kernschmelze kommt.

Die Ursache der Wasseransammlungen in Rohrleitungskanälen des Notkühlsystems im Reaktorgebäude von Biblis B ist strittig. Der in Biblis B tätige Fachmann sagt aus, dass ein Strahlenschützer von RWE ihm mitgeteilt habe, dass bei Hochwasserständen des Rheins Wasser in das Reaktorgebäude von Biblis B eindringt. RWE bestreitet bislang, dass das Atomkraftwerk undicht sei und dass bei Hochwasserständen des Rheins Wasser in den "Keller" des Reaktorgebäudes eindringe.

Der Siemens-Konzern, für den der in Biblis A eingesetzte Fachmann in Biblis tätig war, versucht dessen Kritik unter Verweis auf den Ausgang seines arbeitsgerichtlichen Prozesses gegen Siemens abzutun. Für die hier erhobenen Vorwürfe ist ein solches Gerichtsverfahren allerdings nicht maßgebend, da Arbeitsgerichte nicht über sicherheitstechnische Fragen von Atomkraftwerken urteilen. Hierfür sind in Deutschland die Verwaltungsgerichte zuständig.


Kontakt:
Henrik Paulitz, Fachreferent Atomenergie, Tel. 0171-53 888 22

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