Berlin: Kann man mit Atomenergie CO2-Emissionen senken und den Klimawandel aufhalten? Diese Frage stellen sich viele Menschen angesichts der düsteren Prognosen des Klimaberichts der Vereinten Nationen. Dazu Angelika Claußen, Vorsitzende der Ärzteorganisation IPPNW: „Nein, die Atomenergie trägt weniger als 3 Prozent zur weltweiten Energieversorgung bei. Außerdem wird sich die CO2-Bilanz der Atomenergie durch die schwindenden Uranreserven langfristig so verschlechtern, dass Atomkraftwerke etwa ab dem Jahr 2050 ebenso klimaschädlich sein werden wie fossile Gaskraftwerke. Hinzu kommt der Sicherheitsaspekt: Selbst wenn man die ungeklärte Frage der Atommüll-Entsorgung und das ständige Risiko einer Reaktorkatastrophe außen vor lassen würde: Eine Renaissance der Atomenergie würde das Risiko der unkontrollierten Verbreitung von Atomwaffen stark erhöhen.”
Die steigenden CO2-Emissionen und Proliferationsrisiken der Atomenergie sind eng mit den abnehmenden Vorräten an hochwertigem Uranerz verbunden: Uran muss aus der Erdkruste durch eine Reihe von physikalischen und chemischen Prozessen gewonnen werden, die Energie verbrauchen. Durch den immer weiter abnehmenden Reinheitsgrad des Uranerzes wird die Gewinnung von Uran in Zukunft immer mehr Energie verbrauchen und mehr Kohlendioxid-Emissionen erzeugen. Nach Untersuchungen der Oxford Research Group würde die Uranproduktion bei gleichbleibendem Anteil der Atomenergie an der Weltenergieversorgung zwischen den Jahren 2050 und 2070 die "Energieklippe" überschreiten, d. h. die Verarbeitung von niedrigkonzentriertem Uranerz würde genauso viel Energie verbrauchen, wie das daraus gewonnene Uran erzeugen könnte.
Der einzige Ausweg wäre, weltweit verbrauchte Uran-Brennelemente zu Mischoxid(Mox)-Brennelementen und reaktorfähigem Plutonium in Wiederaufbereitungsanlagen weiterzuverarbeiten. Heutzutage geschieht dies vereinzelt in Sellafield, England oder in Rokkasho Mura, Japan. Angelika Claußen: „Mischoxid-Brennelemente und reaktorfähiges Plutonium können relativ leicht zur Herstellung von Atomwaffen verwendet werden. Mehr weltweite Wiederaufbereitung inklusive der damit verbundenen Verarbeitung, Lagerung sowie dem Handel und Transport von Mox-Brennelementen und Plutonium würde die Möglichkeiten für Terroristen und einzelne Staaten an atomwaffenfähiges Material zu gelangen vervielfachen.”
Auch bei strengen Sicherheitsvorkehrungen lassen sich in einer modernen Wiederaufbereitungsanlage sichere Aussagen nur über 99 Prozent des Plutonium-Bestandes treffen. Etwa ein Prozent des Plutoniums kann aus verfahrenstechnischen Gründen nicht genau bestimmt werden und gilt offiziell als "Material Unaccounted For" (MUF). Eine gravierende Sicherheitslücke: Das potentielle MUF der hochmodernen Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho Mura wird nach Aussagen britischer Experten etwa auf 50kg Plutonium pro Jahr geschätzt - genug Stoff für etwa sechs bis acht Atomwaffen.
Pressekontakt: Sven Hessmann, Pressereferent, Tel.: 030 - 69 80 74 14
Link: Hier finden Sie den Bericht der Oxford Research Group "Secure Energy? Civil Nuclear Power, Security and Global Warming"
... zurück