Aufgrund der inneren Abkapselung und des fragmentarischen Charakters traumatischer Erinnerung sowie des Vermeidungsverhaltens Traumatisierter können gerade diese Menschen ihre Erfahrungen im Rahmen der Erstanhörung beim Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge als Fluchtgründe nicht in der erwarteten Form berichten. Dies führt häufig zur Ablehnung des Asylantrages mit anschließenden langwierigen Verfahren. Atteste und Stellungnahmen, die Traumatisierungen bestätigen und Stellungnahmen/Gutachten, die "Reisefähigkeit", also Abschiebbarkeit bescheinigen, stehen sich gegenüber. Angst und Unsicherheit stellen für die Flüchtlinge eine Fortsetzung des traumatisierenden Prozesses dar, es kommt häufig zu psychischen Krisen mit akuter Suizidalität.
Die Beurteilung von Flüchtlingen, vor allem auf behördlicher Seite, wird erschwert durch gesellschaftliche Ablehnung von Traumatisierung, politische Tendenzen und unverarbeitete Traumata der Untersucher/innen einerseits sowie fehlende Kenntnisse über die Besonderheiten der Folgeerkrankungen von Gewalt und Folter andererseits. Es bedarf einer entsprechenden Ausbildung mit besonderer Gesprächstechniken und Untersuchungsmethoden, um die komplexen und vielfältigen Krankheitsbilder zu erkennen, die über den Rahmen der Posttraumatischen Belastungsstörung PTSD, die nach Unfällen, Natur- und anderen Katastrophen beschrieben wird, hinausgehen. Auch Ärzte sind hier oft überfordert, zumal wenn sie in einen Konflikt zwischen ethischen Normen und behördlichem Auftrag geraten.
Bereits im Jahr 1999 gab die bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer "Richtlinien für die medizinische und psychologische Untersuchung von traumatisierten Flüchtlingen und Folteropfern" heraus. Sie beschreiben Diagnostik und Differentialdiagnostik und vermitteln trauma- und kulturspezifische Kenntnisse. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zum Thema.
Diese Richtlinien wurden zwar positiv aufgenommen, die Abschiebepraxis vieler traumatisierter Flüchtlinge mithilfe unqualifizierter Reisefähigkeitsgutachten blieb aber bestehen und löste bei Psychotherapeut/innen zunehmende Beunruhigung aus.
Ende 2000 entstand in Aachen ein Aufruf, um die oft unerträgliche Begutachtungssituation zu verbessern, ihm schlossen sich 700 psychotherapeutische Kolleg/innen und Institutionen an.
Eine Projektgruppe ärztlicher und psychologischer Psychotherapeuten aus Psychoanalyse und Verhaltenstherapie, erfahrene Gutachter aus der Traumatherapie, Traumaforschung und den Behandlungszentren für Flüchtlinge und Folteropfer erarbeitete "Standards zur Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen in aufenthaltsrechtlichen Klageverfahren". Sie enthalten in knapper Form fachliche Kriterien für die Tätigkeit als Gutachter, für die Gliederung eines Gutachtens und für die Fortbildung zukünftiger Gutachter. Sie wurden mit vielen Fachgesellschaften und der Bundesärztekammer abgestimmt. Ihr Ziel ist die Zertifizierung von Gutachtern durch die Bundesärzte- und die Psychotherapeutenkammern.
Ähnlich wie in den "Richtlinien" werden neben den grundlegenden Kriterien an Gutachten spezifische Inhalte und Anforderungen formuliert: Kontexte, in denen die Begutachtung erfolgt, kultur- und flüchtlingsspezifische Kenntnisse (Konzepte zu Krankheit/Gesundheit, Dynamik menschlicher und familiärer Kontexte, über Generationen überlieferte Sichtweisen, Werte, Ansichten, Haltungen, Traditionen), Erfahrung in der Arbeit mit Dolmetschern und grundlegende Kenntnisse der Asyl- und Ausländergesetze.
Für die Umsetzung der Standards bedarf es finanzieller Mittel und einer ausreichenden Zahl von Gutachtern. Kolleg/innen, die schon Erfahrung haben und bereit sind, Gutachten zu erstellen und die Fortbildung von Gutachtern mit zu organisieren, sind eingeladen, sich zu beteiligen, Anlaufstelle ist hwgierlichs@t-online.de, wo auch die Standards und der Aachener Aufruf angefordert werden können.
Literatur: BAFF, Richtlinien für die psychologische und medizinische Untersuchung von traumatisierten Flüchtlingen und Folteropfern, 3. Auflage, 2001,
Deutscher Psychologen Verlag. Wirtgen, W., Trauma - Wahrnehmen des Unsagbaren, 2. Auflage, 2000, Asanger Verlag.
Dr. Waltraut Wirtgen, Ärztin für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse, freie Mitarbeiterin REFUGIO München.
Dr. Hans Wolfgang Gierlichs, Arzt für Innere und Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse, Aachen
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